Gegen den Strom

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Toleranz in der Türkei

März 22, 2008 · No Comments

Hrant Dink
Jeder kennt es. Jeder hat es gesehen und jeder hatte schon mal ein Erlebnis. Egal ob es  die demonstrative Nichtbeachtung der Karfreitagsruhe ist, ob es eine angebliche Beleidigung des großen Propheten ist oder ob es um rein muslimische Gefängnisse geht. Jeder weiß, daß die Anhänger des Propheten sehr gerne “Toleranz” einfordern, die üblicherweise zu einer handfesten Sonderregel ausartet. Deshalb hat sich ein Team des Deutschlandfunks auf den Weg in die Türkei gemacht, um herauszufinden, wie tolerant man dort mit anderen Kulturen umgeht. Die Erkenntnisse sind erschreckend:

“Dass wir völlige Gleichberechtigung erlangen, das halte ich für fraglich. Vielleicht wird es ja noch. Seit wir die Zeitung gegründet haben, hat sich ja auch schon viel verändert, heute kann man viel offener über alles reden als damals - aber vielleicht habe ich da auch zu viel Hoffnung, vielleicht rede ich deshalb so daher.”

So spricht nicht die Anführerin der Sklaven, die es in der Türkei nicht mehr gibt, sondern eine armenische Journalistin. Armenien - richtig, das ist das Land, dessen Bewohner 1915 ganz freiwillig ohne Feindeinwirkung in den Hungertod in die Wüste marschierten.
Die heutigen Anführer der Armenier laufen unfreiwillig in Bleikugeln:

Mitten in der Stadt, auf offener Straße wird der Armenier Hrant Dink am 19. Januar 2007 in Istanbul erschossen. Nur wenige Tage zuvor hat der Journalist seine letzte Kolumne veröffentlicht. Hrant Dink war der prominenteste Vertreter der armenischen Minderheit in der Türkei.

Der Tatverdächtige, ein 17jähriger Arbeitsloser ist inzwischen vor Gericht, doch:

Doch die Hintermänner, türkische Ultranationalisten, Verfechter des Türkentums, bleiben bislang verschont.

Zwar regt sich so etwas wie eine Bürgerrechtsbewegung:

Für das andere (Gesicht der Türkei, Anm.) gingen Hunderttausende in Istanbul im Januar 2007 auf die Straße. “Wir sind alle Hrant Dink”, riefen sie. Solidarität mit einem Toten und seinen Idealen.

Und zart blüht armenisches Selbstbewußtsein in Form eines armenischen Sportklubs auf. Aber alles hat seine Grenzen:

Allerdings ist es kein Zufall, dass der Verein keine Fußballmannschaft hat. Nur Volleyball, Basketball und Schach betreibt Sislispor - alles Sportarten, die nur im Westen der Türkei gespielt werden und bei denen eine armenische Mannschaft nicht in die Verlegenheit einer Begegnung im Osten des Landes kommen kann.

Die Toleranz der Anatolier ist also nicht nur in Mitteleuropa gefürchtet. Aber selbst die tolerante Westtürkei scheint von der Toleranz, die in Mitteleuropa immer vehement eingefordert wird, noch ein ganzes Stück entfernt zu sein, wie der Volleyballtrainer des armenischen Sportklubs sagt:

Allerdings muss man auch dazu sagen, dass wir nicht unbegrenzte Rechte und Freiheiten haben, wie die Türken das behaupten. Armenier werden nicht als vollwertige Staatsbürger der Türkei anerkannt - wir werden als Minderheit, als irgendwie andere Kategorie von Menschen behandelt. Man sieht uns als fünfte Kolonne irgendeiner fremden Macht und nicht als gleichberechtigte Bürger. Wir können nicht Beamte werden oder Soldaten. Wir dürfen nicht hundertprozentig zur Gesellschaft dazugehören.”

Eine Spielerin ist vollkommen offen, nicht die Staatsbürgerschaft ist das Thema, nein die Religion des Friedens ist - oh Wunder - wieder mal die Wurzel des Üblen:

“Die Leute können einfach nicht unterscheiden zwischen der Religion und der Staatsbürgerschaft. Selbst an der Uni schreien sie uns nieder mit dem Spruch: ‘Wir sind Türken.’ Aber ich bin doch auch Türkin! Das verstehen die einfach nicht.”

Auch in den Stadien scheint diese Parole sehr beliebt:

Nationalistische Parolen sind in türkischen Stadien nichts Ungewöhnliches, Politik und Sport verbrüdern sich gerne zur Ehre des türkischen Vaterlandes.

Wer glaubt, daß der Völkermord 1915 eine einmalige Aktion war, der irrt sich. Ein Überlebender berichtet von einer speziellen Sondersteuer während des 2. Weltkrieges, die aber - Allah sei dank - nur für Ungläubige galt:

Wenn man das bei allen gemacht hätte, dann hätten wir das schon verstanden. Aber nur die Nicht-Moslems wurden dazu verdonnert, denen wurden frei erfundene Steuerbeträge abverlangt: Du zahlst soundsoviel, du soviel. Die Leute hatten das Geld nicht, sie verkauften Haus und Hof, um zahlen zu können, und die anderen schnappten sich billig ihren Besitz. Der Erlös reichte aber oft immer noch nicht aus, um die Steuer zu bezahlen. Da wurden die Männer zur Zwangsarbeit in den Steinbruch nach Aschkale in Ostanatolien geschickt, mitten im Winter. Viele sind dort gestorben.”

1955 kam es dann zu einer Pogromnacht, die alles andere als ein Aufstand eines Lynchmobs war:

Als spontane Krawalle gegen die griechische Zypern-Politik wurden die Pogrome damals dargestellt; inzwischen können Historiker belegen, dass es ein geplanter und staatlich koordinierter Angriff auf die christlichen Minderheiten war. Sarkis Cerkesyan wusste schon in jener Septembernacht, wer dahinter steckte:

“Morgens um eins pfeift einer an der Ecke, die Diebe und Plünderer laufen weg. Da kommt ein Armee-Offizier mit drei Soldaten, der denkt, ich gehöre zu den Plünderern und sagt zu mir: Bursche, ich beglückwünsche euch. Das habt ihr gut gemacht, alle Türken sollten so sein wie ihr. Aber nun ist es gut, die Armee ist da, wir übernehmen das jetzt. Und ich sagte zu ihm irgendwas wie Dank und Ehre der türkischen Armee und ging ins Haus. Und in dem Moment dachte ich mir: Es gibt auf der Welt Länder, in denen Kinder friedlich und ohne Angst schlafen können. Und ich habe mich nach so einer Heimat gesehnt.”

So unterschiedlich die geforderte Toleranz in Europa von der gelebten in der Türkei ist, so ähnlich ist die Argumentation, wenn man gewisse Dinge mal nicht mehr schönreden kann: Die anderen sind schuld:

Bis heute schiebt die Türkei alle Verantwortung dem Osmanischen Reich zu, sieht sich aber nicht als dessen Rechtsnachfolgerin.

Falls da überhaupt etwas gewesen sein sollte, man weiß es ja nicht:

Stattdessen möchte Ankara die Vergangenheit entpolitisieren und eine Historiker-Kommission einsetzen. Die solle erst einmal klären, ob damals überhaupt ein Genozid stattgefunden habe. In der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung ist von ungewollten Todesfällen die Rede, eine gezielte Absicht für einen Genozid bestreitet Ankara energisch

Während Länder wie Frankreich oder die USA zumindest mit Worten scharf gegen die Leugnung des Genozids vorgehen, hält Deutschland sich zurück. Es gibt ja so etwas wie eine Nazikeule:

Frankreich, Heimat vieler Exil-Armenier, plante letztes Jahr, die Leugnung des Genozids unter Strafe zu stellen, und in Washington wurde eine Resolution verabschiedet, die ebenfalls das Wort Genozid verwendet. Deutschland, das im Ersten Weltkrieg Verbündeter der Osmanen war, hält sich dagegen auffällig zurück.

Ostanatolien ist jedenfalls Anschauunsplatz für das, was Mitteleuropa bevorsteht, wenn nicht ein mittleres Wunder passiert:

In Ostanatolien und vor allem in der Stadt Van - wo vor hundert Jahren mehr Armenier lebten als Türken und Kurden - lässt sich heute kaum mehr eine Spur von ihnen finden, geschweige denn ein einziger Armenier. Geblieben sind nur Erinnerungen und Ruinen. Die meisten der etwa 80.000 Armenier im Lande leben heute in Istanbul. Sie bilden die größte christliche Minderheit in der Türkei. Ähnlich wie die Kurden sind sie zwar offiziell gleichberechtigte Staatsbürger, doch de facto bleiben sie Bürger zweiter Klasse. Viele Berufe sind ihnen verschlossen, ihre Rechte sind eng begrenzt, die Einhaltung wird akribisch überwacht.

Hrant Dinks letzter Kolumnentitel ist omipräsent:

“Meine Seele ist furchtsam wie eine Taube”

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